Ab in Pütt...

Kohle   Bergwerk   Ruhrgebiet

Zwei Jahre nach der Währungsreform von 1948 wurde ich vom Elektromeister Harbecke entlassen. Ich hatte gerade die Gesellenprüfung bestanden. Nicht genug Arbeit für zwei Gesellen, meinte er. Was - wegen des knappen Geldes - wohl auch stimmte.
Nach einigen Wochen Arbeitslosigkeit, kamen Werber der Ruhrgebietszechen ins Dorf. Meine Freunde rieten mir einen Job im Bergwerk anzunehmen, das sei besser als hier zu zu vergammeln.

    Was tun?? 

In der Sammelstelle Hattingen wurden wir ärztlich untersucht. Der Doktor war nicht gerade von meiner körperlichen Kraft begeistert, aber gab dann doch sein OK. Ich kam zur Zeche Gewerkschaft Neumühl in Duisburg-Hamborn und wurde als Schlepper eingestellt, Arbeitsmarke 1030, Schichtlohn für 8 Stunden Arbeit Untertage: 12.30 DM.
Ich wurde im Ledigenheim in einer Vierpersonenstube  mir Doppelbetten untergebracht. Zum Glück kam ich zu lauter netten Kerlen. Odilo war einer von ihnen.

Odilo, ein ehemaliger Jurastudent,  wurde für die Heimbewohner zum Berater in allen Fragen . Meistens ging es ums Geld: Ratenzahlungen, Alimente und "Weibergeschichten". Ja, der ehemalige Fähnrich mit den guten Manieren wurde zum viel gefragten Berater.
Die Unterkunft in der Neumühler Haldenstrasse war eine (teilweise) Kriegsruine, ein Bergarbeiterwohnheim, "Bullenkloster" genannt. Der Essraum und das Geschirr waren in einem erbärmlichen Zustand: Keine Tischdecken, Blechteller, nichts Freundliches in diesem Kellerraum.

Nach Verhandlungen mit der Zechenleitung durch Odilo, meinem Stubenkumpel und ehemaligen Jagdflieger,  gab es Geschirr und neuen Anstrich und überhaupt bessere Verpflegung. Blumen!
Odilo brachte es in der Untertage - Hierarchie bis zum Lehrhauer, was schon ein kleiner Aufstieg war. Er arbeitete auf der 8.Sohle im Flöz  "Girondelle", bullenheiß dort!  Immer schwarz Odikowie die Nacht kam er nach oben. 
Eigentlich wollte er das Studium wieder aufnehmen, aber irgendwie kam er nicht mehr dazu. Vielleicht weil er nur wenig Geld sparen konnte, sein Alter Herr lag ihm oft auf-der-Tasche! Nach einem Jahr im Pütt "haute er in Sack". Was die Kumpels vom Bullenkloster sehr bedauerten, besonders ich. Als ich ihn wieder traf - Jahre später - war er verheiratet und besaß ein viersitziges Flugzeug für Rund-und Geschäftsflüge in Köln-Wahn. Er lud mich zu einer Flugrunde über Köln ein. Seitdem haben wir uns aus den Augen verloren. Schade!  Auf meiner Stube wohnte noch ein der Veterinärstudent Rüdiger Sch.und ein angehender katholischer Theologe aus Münster, den die Kumpels "Pater Filius" nannten. Ein gutmütiger Bursche, der mal das "einfache Leben" kennenlernen wollte, ehe er zum Priester geweiht wurde. (Jahre später verunglückte er tödlich.) Unser angehender Tierarzt war ein Hüne von Mensch , schuftete im Gedinge, auch am Sonntag, weil es da erhöhten Lohn gab. Und manchmal ging er als Kirmesbuden-Boxer , um da auch noch paar (schnelle) Mark zu verdienen. Ein blaues Auge nahm Rüdiger  in kauf. Er wollte so schnell wie möglich wieder zum Studium zurück nach Hannover.  Ich wurde vom Schlepper zum Elektriker befördert. "Herr" über E-Motore, Schaltkästen, Trafos und Telefone.Siegmund nach Ausfahrt Ein einsamer Job ,  man machte Kontrollgänge, die waren wichtig und vertrieben die Zeit. "Kumpel, Prise?" Ein kleines Schwätzchen und weiter ging es. Als Elektriker bekam ich manchmal statt des "Leuchtturms" eine Scheinwerferlampe, den "Blitzer", weil der Strahl aufblitzte wenn er ins Auge fiel. "Blitzer hatten nur noch die Steiger. Und auf den Steiger musste der Kumpel aufpassen! 
Aber das war schon Wochen später. Begonnen habe ich - wie gesagt - als Schlepper; das sind die Ungelernten untertage. Vor der ersten Seilfahrt bekam ich einen Lederhelm und im Lampenraum eine Lampe, die aussah wie ein kleiner Leuchtturm und mindestens 1 kg wog. Drin war - schlagwetterfest abgedichtet - ein Bleiakku mit Schwefelsäure gefüllt. Oft genug war der Säureverschluss undicht, so dass die ätzende Brühe nicht nur die Kleidung löcherte. Nur Handwerker und Steiger bekamen leichtere Scheinwerferlampen.  
Außer dem Lederhelm gab es keine besondere Schutzkleidung. 

Meine 1.Schicht verfuhr ich auf der 7.Sohle. Ich nahm zwei Stullen (Dubbel) mit und einen halben Liter schwarzen "Kaffe", den man auf der Zeche bekam. Das Erste was ich beim Aussteigen aus dem Förderkorb sah - mit Kreide groß auf ein Brett geschrieben - war die Kumpelweisheit: "Worum dreht sich die Welt herum? Um die Prumm!" 
Ich sollte am Ende eines Gummiförderbandes, den Übergang zum nächsten Band kontrollieren. "Wenn du 3 Schläge hörst, dann schalte das Band ein. Wir hauen hier auf das Wasserrohr. Pass auf Kumpel, drei Schläge!" Da saß ich nun und horchte gespannt auf die drei Schläge! 
Da, jetzt... oder doch nicht? Ich hatte keine Ahnung, wie sich diese Klopfzeichen anhörten. Aber jetzt ... und schaltete ein! Da hörte ich sehr deutlich schnelle Schläge auf´s Rohr und schon kam eine Lampe aus dem Dunkeln in Sicht. "Du Arsch, willst du uns kaputtmachen?"  "Ihr habt doch geklopft!" "Du weißt jetzt Bescheid. Mach ja keinen Scheiß mehr!" 
Und wieder saß ich allein . Über mir eine trübe Lampe. Die Temperatur bei etwa 25 0  C, der letzte Tropfen war aus der Alupulle gesogen ... Durst! Noch vier Stunden bis Schichtende! So schwebte allmählich vor mir das Bild eines Bierglases , mit dem kühlem Nass vor mir. Welch eine Wonne wäre es, wenn... Fata Morgana?  Doch dieses Werbefoto, das an allen Reklamesäulen hing, stillte leider meinen Durst nicht, im Gegenteil. So zerrte ich an dem Bohrwasserrohr bis am Flansch ein dünnes Rinnsal in meinen Mund lief. Warme Brühe, pfui Teufel, aber besser als nichts. 
Seitdem schleppte ich stets eine 2-Liter Pulle Untertage. Nie wieder diesen Durst! 
Nach der 8-Stunden-Schicht ging es erst in die Waschkaue die Klamotten runterholen, die über eine Rolle unter der Waschkauen-Decke hingen.  Zigarette drehen, Stunden ohne ... ein Genuss! Dann ab unter die Dusche,  -zig  nackte Männer, "Kumpel buckeln?" Der Kumpel gab dir die Seife und dann wurde der kohlenschwarze Rücken sauber gerieben. Dabei merkt man, dass es nicht nur verschiedene Gesichter gibt, auch unterschiedliche Rückenbeschaffenheiten. 
Die schwarzen Augenränder machten wir mit Margarine sauber, das war preiswerter als Creme. 
Unser ganzer Stolz  war das Kofferradio, das wir zum Baden im Kanal mitnehmen konnten.
   Im
Heim wohnte in einem Einzelzimmer ein FDJ´ler. Man sah ihn oft in seiner blauen FDJ-Uniform. Damals war die KPD  und die FDJ noch nicht verboten.  Er erzählte uns begeistert von einem Weltjugendtreffen in Berlin, ob wir nicht mitfahren wollten. Der Preis war sehr günstig und eine ganze Reihe von den Kumpels im Heim wollten auch mitfahren.  Die politische Seite dieses Treffens interessierte kaum einen, aber Weltjugend ... Berlin, das wollten wir sehen, erleben. Doch die Zechenleitung gab uns für ein "Kommunistentreffen" keinen Urlaub. 

Irgendwann später drangen einige Kumpels in seine Bude im Hochparterre ein, er sprang vor Angst aus  dem Fenster, die Jungs rissen alle politischen Plakate von den Wänden, schmissen seine Kleider zum Fenster raus. Seitdem war der FDJ-ler verschwunden. Die meisten Heimbewohner fanden das zum Lachen! Ich nicht.
 

Um den Wechselschichten zu entgehen, kam Odilo auf den guten Gedanken in den Knappenchor einzutreten. Die Chormitglieder hatte immer Frühschicht wegen der Chorproben. Aber das war schwieriger als gedacht. Zuerst musste der misstrauische Betriebsleiter und Vorsitzender des Chores von der Redlichkeit unseres Wunsches überzeugt werden und dann der Dirigent von unserer Singstimme. Für den 1. Bass reichte es. 
Wir bekamen die Traditionsuniform der Bergleute geliehen, die wir bei öffentlichen Auftritten anzogen. Aber dazwischen lagen die wöchentlichen Chorproben. Man musste pünktlich und ordentlich angezogen "antanzen", zwei Stunden lang. Siegmund Wir sangen in Rheydt und im Theater in Duisburg. Ein Höhepunkt war der Auftritt im Rundfunk auf der neuen Welle UKW. Die Lieder waren nicht gerade nach unserem Geschmack (Silcher u.ä.) aber das Püttrologen - Leben wurde etwas angenehmer. 

 Dann kam die Woche in der ich mit dem geliehenen Fahrrad von Odilo´s Schwester - das musste ich in Aachen abholen - durch die Eifel (Nürburgring) zur Loreley fuhr. Dort fand ein internationales Jugendtreffen "Begegnung Europäischer Jugend" , das erste nach dem Krieg, statt.
 

Auf dem Plateau war ein großes Zeltlager aufgebaut.

Zum ersten Mal hatte ich persönlichen Kontakt zu französischen jungen Leuten. Ich teilte z.B. das Zweimann-Hauszelt   mit einem jungen Unterleutnant (in Zivil) der Marine, Gerald. Aber das erfuhr ich erst nach einem jahrelangen Briefwechsel. Alles war neu, kein Muss, kein Appell, kein Drill ... eine völlig andere, sehr gelöste Atmosphäre als in den Lagern, die ich in der HJ kennengelernt hatte. Ein besonderes kulturelles Erlebnis war die Begegnung mit dem Schauspieler Gerald Philipp auf der Freilichtbühne der Loreley;  die lebendige Art Volksmusik, die Tänze ... und  Gisela.    Jeder unserer Briefe endete mit "Vive l´Europe". Wir alle fühlten uns als Wegbereiter eines neuen, in Freundschaft verbunden Europas. 

Und trotzdem  ... als eines morgens aus den Lautsprechern "Les Preludes" ertönte, dachte ich nicht an Liszt, sondern an "Sondermeldung", so geprägt war man noch immer! 
 
Dieses Jugendtreffen ließ mich nicht los! So machte ich zwei "Blaue", ich kam zwei Tage zu spät zur Grube zurück. Unentschuldigt fehlen bedeutete Lohnabzug und Rausschmiss aus dem Knappenchor. Und das wenige Tage vor der Chorfahrt zur Mosel. Da gab´s keinen Pardon vom Alten. 
Um der täglichen Tristesse zu entgehen  kamen Odilo und ich auf den Gedanken uns dem Wandervogel anzuschließen. Aber ich erinnere mich nur noch an einen Volkstanzabend mit Lagerfeuer an der Wedau. 

Nach über einem Jahr untertage - ich wollte nun Steiger werden - erhielt ich zur Betreuung als Elektriker ein vollautomatisches Revier.  Das Flöz war aber nur 50-80 cm hoch, so wurde es per Hobel abgebaut. ich sollte täglich mindestens einmal einen "Kontrollgang" durch´s Flöz machen. Das bedeutete aber kriechen, auf dem Rücken oder auf dem Bauch liegend bergauf. Die  Vorstellung  über dir liegen 800m,  durfte ich gar nicht erst aufkommen lassen. 
Es geschah gleich am ersten Tag im neuen Revier. Ich war nach meinem Kontrollgang oben an der "Kopfstrecke" angekommen. Ein Lichtkabel hatte sich verklemmt. In dem Augenblick als ich es mit überkreuzten Beinen sitzend lösen wollte, brach ein trichterförmiges Stück aus dem Hangenden heraus, presste meine Bein so aufeinander, dass ich sie nicht mehr unter dem Geröll hervorziehen konnte. Ich schrie um Hilfe, doch die herbeigeeilten Kumpels trauten sich zunächst nicht mir nahe zu kommen aus Angst es könnte noch mehr herausbrechen. Mir kamen die gezögerten Sekunden wie eine Ewigkeit vor, dann war ich befreit! 
Scharfkantige Steine hatten mir besonders den Rücken geritzt und eine Fleischwunde am rechten Unterarm verursacht. Ich wurde verbunden und machte mich auf den Weg nach oben. Das Laufen fiel mir schwer durch die Zerrungen im Hüftgelenkbereich, schließlich waren eine Menge Steine aus etwa einem Meter Höhe auf die gekreuzten Beine gefallen. Nichts gebrochen!! 
Im Knappschaftskrankenhaus wurde ich gewaschen , verbunden, nach Hause geschickt. Eine Woche "leichte Arbeit" übertage im Magazin. 
In diesen Tagen wuchs mein Entschluss "raus aus dem Pütt", eineinhalb Jahre sind genug... hast` noch mal Glück gehabt! 

Von der  Zeche "Gewerkschaft Neumühl" in Duisburg - Hamborn ist nichts mehr zu sehen, von der Haldenstraße noch ein altes Straßenschild. Und wo sich die Räder der Fördertürme drehten , befindet sich ein Gewerbepark. Von der Autobahn A2 aus kann man ihn sehen.  Keiner käme auf den Gedanken, dass hier mal eine Zeche gestanden hätte. So geht's eben.... 

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