
1952 war die
Zeit als noch wenige Autos die Landstrassen befuhren und Räder mit
Mehrgangschaltung höchst selten waren.
Unsere Räder waren ohne Gangschaltung, jeder Hügel oder gar Berg
wurde zur Kraftprobe, die wir meistens verloren! Es gab keine spezielle
Radkleidung, zur Kluft wurde oft so eine merkwürdige Kappe getragen .
In Deutschland riefen wir uns ein "Servus" zu,
wenn wir anderen Radlern begegneten.
Heinis
Vater war nach dem 2.Weltkrieg zunächst als Kriegsgefangener, später
als Helfer auf einem französichen Bauernhof (ferme) in
der Nähe von St.Quentin geblieben. Heini war mein Freund . Wir hatten
schon einige gemeinsame Radtouren den Rhein entlang, hinter uns.
Er hatte seinen Vater schon jahrelang nicht mehr gesehen. Doch der
wollte nicht mehr nach Hause kommen. Die Wohnung bestand nuraus
einem Zimmer und die Mutter war froh, wenn Heini mal einige Wochen weg war.
Geld hatten wir wenig, so etwa 60 DM jeder, also beschlossen wir mit dem
Rad nach Frankreich zu fahren. Wir machten uns kaum Gedanken was auf uns
zukommen könnte, nur die Route legten wir fest. Das war im Juli/Aug.
1952. Damals brauchte man noch ein Transitvisum für Belgien und ein
Visum für Frankreich.
Jeder hatte einen Rucksack auf dem Gepäckträger, einen Wimpel schwarz-rot-gold
und den grünen Wimpel mit dem
Europa
E vorn befestigt, ca. 60
Mark in der Tasche, etwas Verpflegung, Kochpott und Spirituskocher in der
Seitentasche ... los ging´s!
Wir fuhren
via Köln, Aachen, Liege nach Dinant, an der belgisch-französischen Grenze. Auf
dem Rathausplatz in Aachen sahen wir noch Johannes Heesters, ein sehr bekannter
und beliebter Filmschauspieler.
(Er war im Dezember 1997 94 Jahre alt
und spielte noch auf der Theaterbühne.)
Die JH
in Liege war angenehm, aber in Dinant wurde uns klar, dass der
Krieg erst einige Jahre hinter uns lag, mit all dem Leid, welches
Hitler-Deutschland über die Völker gebracht hatte. In unserer jugendlichen
Naivität war uns bei unseren Fahrtüberlegungen nicht in den Sinn gekommen,
dass wir möglicherweise in Frankreich oder Belgien nicht willkommen sein
könnten.
Dinant liegt in einem schmalen
Flusstal unterhalb einer Festung. In der Jugendherberge standen schon
einige junge Leute vor dem
Anmeldeschalter
des Herbergsvaters. Ich legte unsere Herbergsausweise vor und bat auf
englisch um zwei Betten für eine Nacht. Er tat jedoch so als ob er mich nicht
nicht verstehen würde und bedeutete mir auf französisch, ich solle französisch
sprechen, obwohl er die vor uns sich anmeldeten englischen Jungs durchaus
verstand. Ich wiederholte also radebrechend auf französisch meinen Wunsch.
Am nächsten Morgen gab er uns, obwohl wir sehr früh weiterfahren wollten, eine
Aufräumarbeit, die man erst durchführen konnte, wenn alle die Stube verlassen
hatten. Der Herbergsvater hatte noch
Wut im Bauch. Kann ich heute verstehen!
Die nächste Nacht schliefen wir auf Sägemehl in
einer temporären Getränkebude eines dörflichen Fußballplatzes. Als wir beim
benachbarten Bauern Milch kauften, glaubte er Holländer vor sich zu haben. Wir haben ihm nicht widersprochen!!
An diesem Tag erreichten wir das Dorf bei St. Quentin, in dem Heinis
Vater auf der Ferme als Landarbeiter tätig war. Kaum im Dorf angekommen, wurden
wir von einigen Jugendlichen freudig begrüßt, die uns wohl wegen
der ähnlichen Nationalfarben unserer Wimpel am Rad für Belgier
hielten. Wir waren völlig überrascht und haben sie auch
in dem Glauben gelassen. Nach den bisherigen Erfahrungen, war es wohl auch
das Beste.
Heinis Vater kam uns in grünen Gummistiefeln entgegen.
Vater und Sohn umarmten sich ... Abends trafen wir auf andere ehemalige
Kriegsgefangene, denen wir ausführlich über Deutschland berichten
mussten: Gibt es wieder alles zu kaufen? Was kostet dies, was kostet
das ...? Sie fragten uns "Löcher-in-den-Bauch". Wir waren die ersten
Deutschen, denen sie nach dem Krieg begegnet waren und das nach fast 7
Jahren Kriegsende!
Nach 2 Tagen fuhren wir - um 70 Francs reicher - Richtung Paris.
Es gab damals neben den Routes Nationales nur schmale Radtrampelpfade
neben der Teerdecke. Man musste höllisch aufpassen, nicht vom
Pfade abzukommen. Am meisten fürchteten wir einen "Platten", weil
wir kaum Flickzeug und schon gar keinen Reifenersatz hatten.
Im Park von Compiegne trafen wir auf einem internationales Festival
junge Franzosen und Briten, die oft sehr erstaunt waren, hier Deutsche
anzutreffen. Nach weiteren zwei Tagen erreichten
wir die Stadtgrenze von Paris am Flughafen Orly. Vom Metroplan zeichneten
wir uns den Weg zur JH, Nähe Place St. Cloud, rue Anna Jacquin....
Maison de la Jeunesse et la Culture. Damals konnten wir unsere Sachen und
die Fahrräder unverschlossen in der JH lassen, ohne beklaut zu werden
. . . und wir fuhren per Metro kreuz und quer durch diese
atemberaubende
Stadt, wo sich die Pärchen öffentlich küssten. Das
hatten wir noch nie gesehen!! Vier
Tage eine Stadt ohne Trümmer ... dafür Eiffelturm, Notre
Dame, Louvre(Mona Lisa), Moulin Rouge (aber nur von außen!) BoulMich ...
frische Weißbrotstangen, cafe au lait in der Schale, die Mode...
wir haben die Augen aufgerissen!
Am letzten Abend wären wir beinahe an der Porte St.Cloud verhaftet
worden.
Das kam so: Als wir am späten Abend aus der Metro
hochkamen, sahen wir unseren Bus auf der anderen Seite des Platzes ankommen
und rannten hin. Auf halber Strecke liefen wir an einigen Flics mit
schußbereiten MPs vorbei. Doch der Bus fuhr uns davon. Neugierig
schauten wir hinter dem Wartehäuschen auf die Polizeikette, da hörten
wir ein Kommando , das unzweifelhaft uns galt. Wir sollten die Hände
hochnehmen. Wir wurden untersucht und dann zu einem Offizier geführt,
der genau wissen wollte, was mit uns los sei, warum wir gelaufen seien,
wo wir wohnten ... Schließlich gab er unsere Pässe zurück:"
Allez...!" Puh, das ist noch mal gut gegangen, dachten wir.
 Das Maison de la Jeunesse musste
leider nach Jahren einer Stadtautobahn weichen. Ich hätte es gern noch
mal gesehen Am nächsten Morgen haben wir dann noch 20 DM umgetauscht und
ab ging es gen Osten Richtung Metz. Unterwegs schliefen
wir hinter einem Straßenwärter-Häuschen, nachdem uns ein
freundlicher Franzose in seinem leeren Kühlwagen 150 km mitgenommen
hatte. Tres bien et merci, Monsieur!
In der Jugendherberge (JH) von Metz waren wir mit drei älteren
Italienern allein. Nach einigen Gläschen Wein wurde gesungen ... blue
moon... auf italienisch .Schließlich zeigte uns der Herbergsvater
(ein Elsässer) mit dem Besenstiel ,wie man nach preußischer
Art das Gewehr präsentiert. Hoppla!!
Einen Tag später schenkte uns eine Bäckersfrau in
Saarbrücken Brot und Brötchen, weil wir doch "aus dem Reich"
kamen. "Heim ins Reich" wollten viele Saarländer.
In der JH von Heidelberg-Handschuhsheim waren wir die große
Nummer! "Was in Frankreich, in Paris gewesen? Na, klar!" Da hatten wir
"Schlag" bei den Mädchen. Aber Holla!
....wenn
es regnet, spielt Heini auf der Mundharmonika !
Bei St.Goarshausen/Rhein trafen wir die
schöne Aletta und deren Schwester Hanneke. Es hätte
ein angenehmer Abend mit den beiden Holländerinnen geben können,
wäre nicht die Herbergsordnung dazwischen gestanden. 22 Uhr wird geschlossen,
wer nicht da ist ... muss draußen bleiben. Ja, die sogenannten Herbergsväter
waren in vielen Fällen sehr strenge Herren. (Heute sind so manche
froh, wenn überhaupt jemand ihre Herberge besucht.) Mit den Mädchen hat
mich eine jahrelange
(Brief)- Freundschaft verbunden. Das war nicht selbstverständlich,
damals wie heute.
In Köln waren wir erstmal Pleite bis auf 5 Mark. Aber damit
konnten wir noch nach nach Hause( Laer,bei Osnabrück ) kommen. War
alles verdammt knapp, aber damit hatten wir seit Jahren gelernt ,
fertig zu werden. So verließen wir den JH-Bunker am Rhein,
Richtung Heimat.
Ende einer Fahrt, die man nur unternimmt - jung unbekümmert und ...
e-mail:
Siegmund Kempmann


Zum Menü
|