Unternehmen BartholdSonderzug Bann38 zum Unternehmen Bartold

                                                                             

  Meine Mutter versuchte mich vergeblich im Sommer 1944 vom Schanzeinsatz "Unternehmen Barthold" (auch Bartold genannt) bei der HJ-Führung  in Glatz/Schlesien loszueisen. 
Alle Jungen vom Jahrgang 29 - wir waren 15 Jahre alt - erhielten nach ärztlicher Untersuchung einen blaugrauen Arbeitsanzug . (Aber den durften wir erst an Ort und Stelle anziehen!!) 
Drei Tage später saßen wir im Sonderzug nach Neumittelwalde, östlich Breslau an der Grenze von 1937 gelegen. Was bei den Müttern nur Angst auslöste, war für uns das große Abenteuer mit etwas Kribbeln im Bauch.  Wir schrieben die Parolen an den Zug, wie wir es auf den Soldatenzügen gelesen hatten:" Lebwohl Irene..."(Schlagertitel),

  (Die Freunde konnten zu Hause bleiben.)
obwohl kaum einer von uns eine Freundin zurückließ. Aber das gehörte nun mal dazu!

  1. Die Ostfront war nicht mehr weit von der Reichsgrenze von 1937 entfernt.  Das HJ- "Unternehmen Barthold" sollte eine Verteidigungslinie schaffen, die unter der Leitung der OrganisationTodt (OT) "von der Ostsee bis zu den Karparten" reichen sollte:  Panzergraben (oben 5m breit, keilförmig in die Tiefe), doppelter Flandernzaun (Stacheldraht) und schließlich ein übermannshoher Schützengraben mit MG-Ständen sollten die ROTE ARMEE vom Eindringen ins Reichsgebiet  abhalten.

In der Nähe von Neumittelwalde wurden wir auf dem Rittergut derer von Curland in Distelwitz

(heute: Dzieslawice) über dem riesigen Schweinestall auf Stroh untergebracht. 500 Jungen !!  Die Verpflegung erhielten wir vom "Hilfszug Hermann Göring", dessen Köche hauptsächlich aus Holländern bestanden. Diese Jungs schienen uns nicht besonders zu mögen; denn es war eher ein Fraß , denn ein Essen, das sie uns kochten. Es kam nicht selten vor, dass die Zug erst gegen 23 Uhr das Abendessen brachte, manchmal fast rohe Kartoffeln, Sauerkraut mit Fleischstückchen... Wir haben dann sehr schnell auf Selbstverpflegung umgeschaltet , ohne Befehl!! An der Schanzstelle war für jede Gruppe einer nur fürs "Organisieren" von Verpflegung zuständig. Alles was essbar war wurde besorgt: Kartoffeln, Obst, Mohrrüben, Milch... In der Nähe unserer Unterkunft war ein Möhrenfeld, das musste ständig bewacht werden, nachdem mal 200 bis 400 Jungs hungrig das Feld geplündert hatten. Die Bauern meinten, die Russen könnten nicht schlimmer sein als wir!
Nach etwa einem Monat wurden wir in Gruppen zu 20 eingeteilt und in Stuben im und um den Gutshof herum untergebracht. Jede Gruppe erhielt Grundnahrungsmittel und Kochgelegenheit, den Rest mussten wir "organisieren". Meine Gruppe war über dem  einklassigen Schulhaus Holzpritsche, Strohsack, Herd in der Waschküche untergebracht. Hier wohnte auch noch die Lehrerin mit ihrer Tochter, die so schön Klavier spielte. Ich schaute ihr manchmal heimlich zu... eine andere Welt! (Aus  Ansichtskarte "Distelwitz" ges. v. Manfred Schmitt )

Nachts wurden wir regelmäßig zum Wacheschieben eingeteilt. Dann gingen wir zu zweit die einsame Dorfstrasse entlang, ganz in der Mitte. Bei jedem merkwürdigen Geräusch blieben wir stehen und lauschten. Dabei hatte wir "mehr Angst als Vaterlandsliebe". Uns war nie klar, was wir eigentlich bewachen sollten. Es gehörte nun einmal dazu "auf Wache" zu sein.  Bei dieser Gelegenheit machten wir die Milchkannen ausfindig, die die Bauern zum Kühlen in den Bach stellten. Einige Liter wurden dann "organisiert".

Einen ähnlichen  Abklatsch von der Wehrmacht war die Wache "unter Spaten" am Eingang zum Gutshof.  Dort standen wir zu zweit ebenfalls jeweils zwei Stunden bis zur Ablösung.  Ab Scharführer aufwärts musste der blankgeputzte Spaten präsentiert werden !
Wer nicht "spurte" , der" bekam ´ne Glatze verpasst" und musste in der Strafgruppe Sisyphusarbeit leisten, z.B. aus dem Panzergraben - im Wasser stehend - Erde schippen.
Eines heißen Sommertages wurde ich in die Sanitäts-Stube eingeliefert, weil ich " umgekippt" war. Aber die "Sanis" waren noch nicht auf "Besuch" eingestellt und so legte man mich auf eine Decke , die auf dem Fußboden lag. Über dem Raum war der Schlafraum der BDM-Mädels,  die mich dann auch am Abend auf ihre Bude holten. "Man kann den armen Kerl doch nicht da liegen lassen". Leider wurde ich aus dem angenehm warmen Bett geschmissen, als  mich die Mädelscharführerin entdeckte.  Am nächsten Tag brachte man mich in ein Lazarett in Neumittelwalde. Diagnose: Allgemeine Erschöpfung. Na ja, ich war ja man bloß ein "Hänfling"!

Es wurde allmählich Herbst, die Nächte auf unseren Schlafsäcken, unter der dünnen Decke wurden immer kühler. Morgens lag schon manchmal Raureif auf dem Gras. Aber tagsüber knallte die Sonne oft noch sehr stechend auf uns.
In der Freizeit schnitzten wir an einem Stöckchen, das geschält über Feuer geschwärzt worden war. Das niedliche Ding wurde statt Zollstock in die Seitentasche gesteckt, unser Ostwallabzeichen!!

Die Fanfarenbläser hatten durch Umstecken des Mundstücks eine Art Trompete gemacht mit der gejazzt wurde, aber  heimlich, denn die sogenannte "Negermusik" war verboten.
Eines Tages geschah -  wohl auch aus dem Grund, weil wir müde und  des ewigen Kommandierens und Marschierens leid waren -  etwas für die HJ Ungeheueres: Befehlsverweigerung!! Und das kam so:

Wir  500 Jungen marschieren nach Feierabend Richtung Quartier. Das Lied, das wir singen mussten,  klang wohl in den Ohren des Lagerführers nicht besonders zackig. "Lied aus, Abteilung halt."  Und dann mussten wir den Oberkörper freimachen und auf dem neben der staubigen Straße liegenden  Stoppelacker - "in Liegestütz fallt" - Liegestütze machen. Wobei die Unterführer darauf achteten, dass wir auch mit dem nackten Bauch die Stoppeln nieder bogen. Wer beim Mogeln erwischt wurde, der wurde mit dem Fuß in die Stoppeln gedrückt.

Nach etwa zehn Minuten antreten, weitermarschieren, "ein Lied ...Auf der Heide... drei - vier !"
Aber keiner sang. "Ich wiederhole zum letzten Mal ..." Da wurde das Lied angestimmt, welches heimlich im Lager kursierte:

"Wir kamen her aus weiter Fern ins schöne Wartheland. Nach Distelwitz kam jeder gern wie´n
          D-Zug  angerannt. Hier herrscht ein soldatisches Leben, HJ und OT hat die Macht, doch uns kann man es noch so geben, man sieht, dass das Herze uns lacht. Und jagen sie uns wie ´ne Herde, kommt der Teufel und lacht noch dazu. Ha,ha,ha... Wir robben auf Stoppel und Erde doch einmal kommt auch für uns wieder Ruh. Schipp, schipp, hurra!
          In Distelwitz im Wartheland erklingt ein Teufelslied. Uns allen ist es wohlbekannt und jeder singt es mit. Und jagen sie uns zum Verrecken uns kann ja die ganze Welt mal richtig am Arsche lecken, so lange es ihr gefällt. Und jagen sie uns wie´ne Herde..."

Trotz aller Drohungen und Befehle das Lied  wurde immer wieder bis zur Ankunft auf dem Gutshof gesungen.

Dort wurde wir ,wie es im Jargon hieß , zusammengeschissen und mussten eine Stunde stehen bleiben, ehe wir zum Essen gehen konnten. Das Verwunderliche an der Sache war, dass man nach keinem Schuldigen suchte und uns Jungens nicht mit weiteren Strafen belegte. Man fürchtete wohl einen erneuten Widerstand !
(Wie das Leben so spielt: Im Vertreibungstransport von Schlesien in den Westen war auch dieser Lagerführer, der nur deshalb von Prügel verschont blieb, weil er schwer verwundet war.)

Die Verteidigungslinie war bis auf die Straßendurchfahrten auf unserem Abschnitt fertig gestellt.  Zum Einsatz ist sie wohl nie gekommen, da die Straßendurchfahrten oft nicht zerstört wurden und keine Verteidiger vorhanden waren.

Im späten Oktober als es schon so kalt war, dass wir die Zähne mit warmen Tee putzten, wurden alle  in der zweiten Hälfte 1929 geborenen nach Hause geschickt, die anderen kamen zum Arbeitsdienst( RAD) in die Tschechei , danach zur Front. Ich durfte nach Hause, "Schwein gehabt"!!!

Über Breslau, dessen Hauptbahnhof einem Ameisenhaufen glich , ging es - vier Stunden auf den Puffern eines überfüllten Personenzuges stehend - Richtung Heimat: Glatz.
                             Ende eines sinnlosen Unternehmens...

Siegmund Kempmann, Heiden/Westfalen

Zu diesem Thema siehe auch:  http://www.namslau-schlesien.de/roechling.htm
http://www.boehm-chronik.com/geschichte/schlesien.htm

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