Damals 1945   Glatzer Wappen  Grafschaft Glatz

  Weltkriegsende   ... und was danach kam!


8.Mai 1945

          Damals   1945/46                        

Die Gräuelbilder an der Litfasssäule und die Lautsprecherstimmen hatten meine Mutter mit ihren 3 Kindern zur Flucht aus Glatz/ Schlesien, Richtung Westen getrieben. Es war der 7.Mai 1945. Ein schöner Frühlingstag.
Der rechte Strassengraben war 20, 30 Kilometer lang ein einziges Waffenlager. Alles hatten die deutschen Soldaten weggeworfen, was hinderlich war und unnütz geworden. Uniformierte und Zivilisten saßen auf Pferdewagen, Lastkraftwagen, auf Fahrrädern oder gingen zu Fuß. Eine schier unendliche Kolonne zwängte sich durch das enge Tal nach Westen.
Wir hatten uns einer Pferdewagen-Kolonne angeschlossen.
Kurz nach Bad Kudowa, am 8.Mai, kamen uns Deutsche aus Westen entgegen, die uns zuriefen nicht weiterzugehen. "Die Tschechen bringen euch um!" So blieben wir im letzten Dorf vor der ehemaligen Grenze.
Bis zum Nachmittag wollte der Strom der flüchtenden deutschen Soldaten kein Ende nehmen. Sie hingen oft in Trauben an den Fahrzeugen. Nur weg! "Hast du nicht ein Fahrrad, ich gebe Dir
das Pferd", rief mir ein Soldat zu, der auf einem dicken Ackergaul saß.

Am Nachmittag trat Stille ein, Angst und Neugierde. Zwei Stunden vergingen, dann hörten wir vom Westen her das Geräusch eines Motorrades. Ein Soldat der Roten Armee kam langsam die Straße herunter gefahren, seine Maschinenpistole geschultert. Ganz allein!
Er schien völlig entspannt und fröhlich. "Krieg kaputt", rief er immer wieder, "Krieg kaputt!" Ihm folgten nach einer Weile Einheiten der Roten Armee.

 Jetzt trauten sich auch die Zwangsarbeiter auf die Strasse. Einer von ihnen riss einem älteren Mann - wohl sein ehemaliger Chef - den Spazierstock aus der Hand und schlug fürchterlich auf ihn ein. Keiner der umstehenden deutschen Erwachsenen wagte irgendwie einzugreifen. Ein junger russ. Soldat schlug dem Polen den Stock aus der Hand, holte aus seiner Gesäßtasche eine Pistole heraus, schrie den Schläger an. Er fuchtelte so mit der Waffe vor dem Kopf des Polen umher, als wolle er ihn erschießen. Dann aber jagte er den Mann weg. Wir Umstehenden waren völlig verblüfft über die Hilfe durch den jungen russischen Soldaten.

Am nächsten Tag wollten wir wieder nach Glatz zurück; denn durch die Tschechei nach dem Westen zu gehen, dazu hatten wir zu große Angst.
Wir übernachteten in einem leer stehenden Haus, in dem noch Nazi-Parteiuniformen hingen, die wir schleunigst im Garten versteckten. Zum Glück, denn in der Nacht bekamen wir "Besuch"
von vermutlich russischen Soldaten. Mutter hatte die Zimmertür abgeschlossen und als sie an die Tür schlugen, schrieen mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter und ich, wie-am-Spiess. Da gingen sie weg.

Eine deutsche Polizeikolonne mit Droschken und anderen Pferdewagen nahm uns mit. Die Wehrmachtsangehörigen sahen wir durch den Wald oberhalb der Strasse schleichen, die uniformierten Polizisten durften sich frei bewegen!
Ein junger Russe wollte mir mein Fahrrad entreißen, das ich auf den Pferdewagen geladen hatte. Ich wollte es natürlich nicht hergeben. So zerrten wir beide an dem Rad.
etwa so war das
Er unten von der Strasse, und ich oben auf dem Wagen. Noch heute frage ich mich, warum der junge Soldat nicht einfach gewalttätig geworden ist. Ich blieb jedenfalls vorläufig "Sieger".

Nach zwei Tagen waren wir wieder in Glatz und sahen die
Bescherung: In der Wohnung unserer Doppelhaushälfte lag alles herausgerissen herum, aber kaum etwas war zerstört.

Siedlung SchneeballwegGlatz, Siedlung  Schneeballweg        

Einige Tage später hielt auf unserer Siedlungsstrasse (Schneeballweg) eine Kolonne russischen Lastwagen. Mehrere Soldaten kamen durch den kleinen Vorgarten zur Haustür. Einer von ihnen "gefangen" hatten. "Madka est?" Mutter sollte die Fische braten. Ich holte noch meine Freunde dazu, sodass wir etwa 6 oder 7 Kinder waren, die halfen, die Fische zu schrubben. (Das wussten wir schon, je mehr Kinder, desto besser der Schutz für die Mutter.)
Es wurde auch für uns ein Festessen, denn wie selbstverständlich durften wir alle mitessen. Die Russen sind ja gar nicht so schlimm, wie die immer gesagt haben, dachten wir.

Eine andere Begebenheit werde ich auch nicht vergessen: Irgend- wann im Sommer 1945 zog Vera - eine Russin aus Kiew - bei uns ein. Ich hatte mir als Laufbursche bei der Kreishandwerkerschaft in Glatz eine Wunde an der Ferse zugezogen. (Als im Herbst die
polnischen Verwaltung kam, wurden alle deutschen Verwaltungsstellen aufgelöst.) Mein einziges Paar Schuhe konnte ich daher nicht anziehen. Vera, die das sah, zog daraufhin ihre weißen Leinenschuhe aus und gab sie mir. Sie selbst zog die typischen russischen Soldatenstiefel an, der Schaft aus einer Art gewachstem Leinen, der Schuhteil aus Leder. "Hier hast du Schuhe!"

  Hinter unserem Haus lag eine große Wiese, dort hatten die russischen Soldaten Pferde zusammengetrieben. Das Wachkommando ließ uns reiten, und oft saßen wir Jungens an deren Lagerfeuer und löffelten Suppe.
Löffel und Messer gehörten zu unser ständigen Ausrüstung. Aus dieser Zeit sind mir noch einige russischen Wörter und Sätze in Erinnerung geblieben. Die Russen teilten gern.
Zu oft aber waren sie vom Wodka und Fusel betrunken, dann nahmen sie oft wieder weg, was sie vorher geschenkt hatten. Zappzarapp! Auch wurden sie dann unberechenbar. Da mussten wir ihnen aus dem Wege gehen. Ich habe die Schreie einer Frau gehört, die von besoffenen Soldaten vergewaltigt wurde. Oft wollten die Soldaten im betrunkenen Zustand in die Häuser der Siedlung eindringen. Unser einzige Gegenwehr bestand in einem riesigen Lärm, der von den Nachbarn dann aufgegriffen wurde bis schließlich die ganze Strasse schrie und trommelte und pfiff... da gingen sie weiter. Auch Rufe nach der "Kommendantura" halfen oft. Ich habe selbst gesehen, wie ein Kapitan einem Leutnant Ohrfeigen gab, weil dieser Übergriffe nicht verhindert hatte.

Meine Mutter war auf die hilfreiche Idee gekommen, nach jeder Einquartierung oder jedem " Kochaufenthalt" den Offizier mit Namen und Rang in ein "Gästebuch" schreiben zu lassen. Das dann weiteren "Besuchen" vorgezeigt wurde in der Hoffnung, dass Günstiges drin stand. Mutterns freundliches und beherztes Auftreten den Soldaten gegenüber, hat oft über heikle Situationen hinweg geholfen.

Die Deutschen mussten am linken Oberarm eine weiße Armbinde tragen.

Alle Ladengeschäfte waren nach dem 8.Mai 1945, teilweise noch vor dem Einmarsch der Roten Armee - auch von den Deutschen - geplündert worden. Da wurde "Vorkriegsware" herausgeholt!! Die Lebensmittelversorgung war total zusammengebrochen.
Die Menschen waren ständig auf der Suche nach Essbarem. In den ehemaligen Warenlagern der Wehrmacht kam es zu Schlägereien um Mehl oder Sirup. Da lernten wir den Hunger kennen! Zur Erntezeit schlichen wir Jugendlichen auf die - von den Russen beschlagnahmten - Felder, um Ähren abzuschneiden oder Zuckerrüben auszugraben. Die Bauern gaben oft kostenlos Milch ab, ein Ablieferungssystem gab es ja sowieso nicht mehr..
Die Reichsmark war wertlos geworden. Es wurden zwar "alliierte" Geldscheine ausgegeben, doch zum Warenkauf nicht akzeptiert.
Je mehr polnische Geschäfte im Spätsommer 45 aufgemacht wurden, desto besser wurde die Versorgung. Woher aber polnisches Geld bekommen ?
Das vergrabene Porzellan und Silberbesteck wurde ausgebuddelt und nach Bedarf an polnische Händler verkauft, die ins Haus kamen. (Als uns die polnische Verwaltung am 20.Februar 1946 aus dem Haus warf, stand gerade ein Händler in der Wohnung.)

Ich war damals fast 16 JaArbeitsausweis polnischhre alt und schließlich als Elektrolehrling tätig. Dadurch kam ich zu den verschiedensten Dienststellen der Russen und Polen. Ich kannte alle ihre Kantinen und manchmal konnte ich auch Lebensmittel und Mahlzeiten ergattern.
Zur Arbeit nahm ich immer einen Rucksack mit, für das Werkzeug, besonders aber in der Hoffnung irgendwelche Lebensmittel zu finden oder geschenkt zu bekommen.
Zum Schutz vor Beschlagnahmung der Wohnung erhielt ich ein Dokument der polnischen Verwaltung, das mich als nützlichen Arbeiter auswies.Meine Mutter klebte es an die Haustür.
Mein Chef war der Elektromeister Paul Herfurth. Er wurde für einige Monate von der russischen Militärverwaltung als Verantwortlicher für die Energieversorgung der Stadt eingesetzt    

Die Werkstatt befand sich am Ende der" Grüne Strasse", gegenüber der Post und dem Kino (Gloria-Palast). Ich erwähne den Namen, weil mir erst viele Jahre später so richtig bewusst wurde, was für ein mutiger Mann er gewesen sein muss, da er es geschafft hatte, seine jüdische
Frau lebend durch die Nazizeit zu bringen. Das war auch der Grund, warum sein Geschäft auch in der Polenzeit existieren
durfte. Zu seinem Betrieb gehörten noch ein Geselle und ein weiterer Lehrling. Vom Sommer 45 bis zum Spätherbst 45 arbeiteten wir hauptsächlich für das russ. Militär bzw. für die polnische Verwaltung. Es ging immer nur um Reparaturarbeiten an den Elektroanlagen der Häuser. Viele Häuser in der Adolf-Hitler-Strasse waren geplündert worden, die Bewohner vertrieben, vermutlich weil man dort besonders schlimme Nazis vermutete. Möbel wurden in den Hinterhof geworfen, Lampen, Schalter, Glühlampen demontiert und als dann andere militärische Einheiten in die Wohnungen ziehen wollten ... mussten wir erst "Licht beschaffen". Es gab aber fast keine Ersatzteile, also besorgten wir uns diese aus den Wohnungen, die noch nicht beansprucht wurden und wenn es dann soweit war, dann machten wir "zappzarrap" in anderen Wohnungen.
Mir fiel auf, dass die Wohnungen oft bis auf den Bücherschrank leer geräumt waren. Vor Büchern hatten die russischen Soldaten Respekt!! 
In der "Grüne Strasse", neben dem Platz auf dem die Synagoge ge standen hatte, war das Haus der poln. komm. Partei (PKP). Dort sah ich im Keller hinter Gittern eingesperrte deutsche Männer. Ich wurde sofort weggejagt als mich ein Wächter bemerkte.

Transport in den Westen
Die Vertreibung am 20.FebAbtransport zum Bahnhofr. 1946 traf uns nicht unvorbereitet.
Nachrichten über die Ergebnisse der Potsdamer Konferenz ware auch nach Glatz durchgesickert. Wobei immer noch die Hoffnung war, mit der "Neiße" könnte auch die Glatzer Neiße gemeint sein.
Zwei Stunden zum Packen blieben uns, dann ging es in Kolonne zum ehemaligen Finanzamt, das völlig leergeräumt schien. Am nächsten Morgen mussten wir zum Hauptbahnhof Glatz marschieren - vorbei an der Minoritenkirche
- der einige Kilometer vor der Stadt liegt. Dort stand ein Güterzug bereit, etwa 50 Wagen. Die Schiebetüren waren geöffnet. Man sah einen sogenannten Kanonenofen, etwas Holz und Kohle, eine Tonne für die Notdurft, Sitzbretter. Jeder hatte einen Sitzplatz. Unsere Wagennummer war 25. Da ich - neben einem kaum gefähigen alten Herrn - der älteste männliche Insasse (16 J.) war, wurde ich "Wagenältester".
Meine Aufgabe war es Informationen, Befehle und Verpflegung entgegenzunehmen.

Die Fahrt führte um das zerstörte Breslau nach Bunzlau. Dort blieb der Transport einige Tage stehen. Ängste über das Fahrtziel kamen auf. Hoffentlich nicht nach Osten!
Wir Jungen waren da unbekümmerter, durchsuchten die Gegend nach Brauchbarem. Dabei stießen wir auf die Topffabrik. "Bunzeltöpfe" standen noch ungebrannt in schier endlosen Reihen auf Regalen. "Die Polen sollen die Töpfe nicht kriegen", schon sausten die Pötte die schiefe Ebene hinab. So ließen wir unsere hilflose Wut an den unschuldigen Bunzeltöpfen aus!

In Kohlbus/Schlesien wurden wir in Entlausungsbaracken geführt. Alles ausziehen, duschen und nackt auf die Kleider warten, die unter britischer Militäraufsicht entlaust wurden.

Die letzte Station unseres Transportes war Friedland. Wir blieben hier eine Nacht, bekamen Essen und Trinken, wurden registriert.
Am nächsten Tag wurde ein Teil des Transportes in einen eiskalten Personenzug gesteckt. Als es endlich "Aussteigen" hieß, kratzte ich das Eis vom Fenster, da las ich "Hitler". Ich war wie vom Donner gerührt. Nein, es hieß" Hilter"! Das Schriftbild!!
In den warmen Gängen einer Ziegelei tauten wir wieder auf.
Schliesslich landeten wir in Laer-Winkelsetten. (jetzt Bad Laer, Krs.Osnabrück)
in der Pension Duncker. 28.Februar 1946. Das Dorf war tief verschneit!
18 Tage nach Ankunft: Der Ausweis. Ordnung muß   sein!
Es gab wieder weisse Bettwäsche, ein angenehmes Bett, westfälischen Schinken und selbstgebackenen Stuten. Richtiges Essen!

Nach einer Odyssee durch verschiedene Unterkünfte: Upkamer, verstaubter "Tanzsaal" in Glandorf, feuchter Holzanbau, erhielten wir schließlich eine "richtige" Wohnung Zunächst über der Schule, später bei einem Lehrer, der uns nur den Hintereingang benutzen ließ, schließlich am Ortsausgang von Laer.

Es gab einige Hindernisse für nähere Kontakte zu den Einheimischen: Sprache, Kleidung, Herkunft, Vermoegen und das Heimweh. Das Ergebnis war ein noch stärkerer Zusammenhalt zwischen den Vertriebenen.
Die Treffen organisierten wir Jugendlichen in dem einzigen Saal des Ortes. Wir luden Prof. Menzel ("Menzel Wilhelm") ein über Schlesien zu sprechen, ersannen ein Theaterstück (Heinz Blaser schrieb den Text) über Rübezahl, veranstalten Eichendorff-Abende... eigentlich nur um das Heimweh
zu dämpfen.
Bei den Proben und auch bei dem Laienspiel waren jugendliche Einheimische dabei. Ich entsinne mich der Familie Schlingmann, (Tischlerei) die besonders eingebunden war, keine Berührungsängste hatte. Ansonsten gab es kaum persönliche Kontakte zu den Westfalen.
Die meisten Grafschafter waren katholisch. Beim Gottesdienst fühlten wir uns wieder wie "Daheme". Die Gottesdienstbesuche waren ein Erlebnis: drinnen vertraut ... draussen fremd!

Schlesiertreffen
Bis etwa 1950 fuhren wir Jugendlichen und viele Erwachsene zu den Schlesiertreffen, wenn es sein musste bis Hannover. Immer in der Hoffnung Freunde, Verwandte, Bekannte zu treffen; in der verzweifelten Hoffnung, doch noch eine Rückkehr zu erreichen.

Zusammen mit anderen trat ich in die "Ostdeutsche Jugend" ein, die ich aber bald wieder wegen politischer Differenzen verließ.
Seitdem habe ich keine Kontakte mehr zu Vertriebenenverbänden, deren Parole "Schlesien ist unser" ich nicht mehr teilen konnte.

1990 war ich zum ersten, wahrscheinlich auch zum letzten Male nach der Vertreibung wieder in der Grafschaft Glatz. Ich besuchte die bekannten Orte, Plätze, die Schule, das Doppelhaus am Schneeballenweg... jetzt müssten die großen Gefühle kommen, nichts geschah. Ich betrachtete alles mit der distanzierten Neugier des Kenners, Unterschiede erkennend, Vorurteile bestätigend.
Meine Töchter sagen ganz selbstverständlich Kladzko und Wroclaw.
Für die ist Schlesien polnisch ... ok. Erinnerungsreise? Warum nicht , sagen sie.

Heimat ist wohl doch nicht an einen bestimmten Ort gebunden...
Jedoch Glatz ist "abgehakt"; aber, je älter ich werde ... doch nicht so ganz!

Lastenausgleich
Meine Mutter erhielt einen Lastenausgleich für das Grundstück und die Doppelhaushälfte, und ich (noch 1981) ein kleines zins loses Darlehen zum Hausbau. Erinnerungsgegenstände ? Von meiner Mutter besitze ich allerlei Unterlagen zu Haus und Grundstück. Mein Elektriker-Ausweis, der mir den Zugang zu russischen und polnischen Dienststellen ermöglichte, war auf Durchschlagpapier geschrieben. Etwa 1948 haben ihn meine Freunde und ich als Zigarettenpapier aufgeraucht.
Meine Bücherei-Lesekarte Nr.447 und der Kellerschlüssel haben überlebt...
Lesekarte aus Glatz


 
 
 

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